Ausbildung im Handwerk: Warum Azubis nicht einfach „mitlaufen“ sollten

Welche Schraubendreher gibt es eigentlich?

Kreuz.
Schlitz.
Torx.
Vielleicht magnetisch.

Für viele erfahrene Handwerker klingt das selbstverständlich. Aber genau hier beginnt ein großes Problem in der Ausbildung: Viele Betriebe setzen zu viel Wissen voraus.

Ein Azubi kommt nicht automatisch mit handwerklichem Grundwissen in den Betrieb. Nicht jeder weiß, welches Werkzeug wie heißt. Nicht jeder kennt den Unterschied zwischen Schlitz und Kreuz. Nicht jeder hat früher mit Werkzeug gespielt, Fahrräder repariert oder an einer Modelleisenbahn gebaut.

Deshalb gilt ein wichtiger Grundsatz:

Geh davon aus, dass der Mitarbeiter nichts kann. Dann musst du es ihm beibringen – und wirst nicht enttäuscht.

Ausbildung beginnt bei null


Viele Betriebe erwarten von neuen Azubis, dass sie schon ein Grundverständnis mitbringen.

Aber die Realität sieht oft anders aus.

Der eine kennt keinen Schlitzschraubendreher.
Der nächste weiß nicht, welche Zange wofür da ist.
Ein anderer soll einen Hammer holen und kommt mit der Schaufel zurück.

Das klingt lustig, ist im Alltag aber ein echtes Problem.

Denn wenn Grundlagen fehlen, kann der Azubi auf der Baustelle kaum sinnvoll mitarbeiten. Dann steht er herum, kehrt, holt Brötchen oder trägt Material. Das ist keine Ausbildung. Das ist Beschäftigung.

Wenn ein Betrieb gute Azubis will, muss er ihnen zuerst das Fundament geben.

Der erste Fehler: Azubis einfach mitlaufen lassen


In vielen Handwerksbetrieben läuft Ausbildung immer noch so:

Der Azubi bekommt Kleidung.
Vielleicht Werkzeug.
Dann fährt er mit auf Baustelle.
Dort schaut er zu.
Ab und zu darf er helfen.
Und irgendwann soll er es können.

Das ist kein systematischer Lernprozess.

Natürlich lernt man im Handwerk viel durch Praxis. Aber Praxis ohne Vorbereitung führt oft zu Frust.

Der Monteur hat keine Zeit, alles zu erklären.
Der Azubi versteht die Zusammenhänge nicht.
Die Baustelle muss fertig werden.
Und am Ende fühlt sich keiner richtig verantwortlich.

So wird Ausbildung zufällig.

Besser: Die ersten Wochen bewusst gestalten


Ein guter Ausbildungsstart sollte anders aussehen.

Der Azubi kommt in den Betrieb, wird ordentlich begrüßt, bekommt sein Onboarding, lernt das Team kennen und erhält Zugang zu einem strukturierten Lernsystem.

Dann folgt eine klare Basisphase.

Zum Beispiel zwei Wochen, in denen er die wichtigsten Grundlagen lernt:

  • Welche Werkzeuge gibt es?
  • Wie heißen sie richtig?
  • Wofür werden sie genutzt?
  • Welche Materialien gibt es?
  • Wie funktioniert Einhanfen?
  • Wie funktioniert Pressen?
  • Wie liest man einfache Anlagenschemata?
  • Welche Grundregeln gelten auf der Baustelle?
  • Wie dokumentiert man Arbeit?

Wenn der Azubi danach mit auf Baustelle fährt, ist er nicht mehr nur das fünfte Rad am Wagen.

Er kann erste Dinge verstehen.
Er kann einfache Aufgaben übernehmen.
Er erkennt Werkzeuge und Materialien.
Er fühlt sich nützlich.

Und genau das motiviert.

Warum Vorkurse im Handwerk sinnvoll wären


An Universitäten sind Vorkurse ganz normal.

Bevor das Studium richtig beginnt, bekommen neue Studierende Grundlagen vermittelt. Mathe, Technik, Methoden, Orientierung.

Warum macht man das nicht auch im Handwerk?

Ein Azubi startet eine Ausbildung und soll sofort in die Praxis. Aber ohne Grundlagen ist diese Praxis oft überfordernd.

Ein betrieblicher Vorkurs kann helfen, alle neuen Azubis auf einen gemeinsamen Stand zu bringen.

Das muss kein riesiges Programm sein. Schon eine gut strukturierte Einstiegsphase mit Videos, Praxisaufgaben und Kontrolle kann viel verändern.

E-Learning hilft bei der Ausbildungsqualität


Ein Meister kann einem Azubi natürlich jedes Werkzeug persönlich erklären.

Aber ist das sinnvoll?

Wenn ein Gewerk 20 verschiedene Zangen nutzt und jede Erklärung drei Minuten dauert, ist schnell eine Stunde weg. Und danach ist nicht sicher, ob der Azubi alles verstanden hat.

Mit kurzen Lernvideos geht das besser.

Ein Video erklärt genau ein Thema.

Zum Beispiel:

  • Was ist ein Schlitzschraubendreher?
  • Was ist ein Kreuzschraubendreher?
  • Was ist Torx?
  • Wann nutzt man magnetische Schraubendreher?
  • Welche Zange nutzt man wofür?
  • Wie hält man ein Werkzeug richtig?

Der Azubi kann das Video ansehen, wiederholen und danach Kontrollfragen beantworten.

So entsteht eine gleichbleibende Ausbildungsqualität.

Videos müssen kurz und kontrollierbar sein


Gute Lernvideos für Azubis sollten kurz sein.

Nicht 30 Minuten.
Sondern 30 Sekunden bis wenige Minuten.

Ein Video sollte nur ein bis drei Lernziele haben. Danach kommt eine Kontrollfrage.

Wichtig ist: Der Azubi sollte das Video nicht einfach überspringen können. Sonst wird aus dem Lernsystem nur ein Klicksystem.

Wenn eine Frage falsch beantwortet wird, kann das Video erneut starten. So wird sichergestellt, dass sich der Azubi wirklich mit dem Inhalt beschäftigt.

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Der Betrieb sieht außerdem, welche Inhalte abgeschlossen wurden und wo es noch Probleme gibt.

Blended Learning: Video plus Praxis


Nur Videos reichen nicht.

Handwerk lernt man nicht allein am Bildschirm.

Deshalb braucht es Blended Learning: digitale Wissensvermittlung plus praktische Umsetzung.

Der Azubi schaut ein Video.
Dann macht er eine praktische Aufgabe.
Zum Beispiel einhanfen, pressen, biegen, zuordnen, montieren oder dokumentieren.

So wird aus Wissen Können.

Zusätzlich können kleine Aufgaben wie Memory, Zuordnungen, Puzzles oder Quizfragen helfen, Inhalte abwechslungsreicher zu machen.

Das klingt spielerisch, funktioniert aber: Lernen bleibt besser hängen, wenn es aktiv ist.

Der Chef braucht Überblick


Ein gutes E-Learning-System zeigt dem Betrieb den Fortschritt.

Der Chef oder Ausbilder sieht:

  • Welche Inhalte wurden erledigt?
  • Welche Fragen wurden richtig beantwortet?
  • Wo hängt der Azubi?
  • Wie weit ist er im Kurs?
  • Welche Praxisaufgaben fehlen noch?

Das ist wichtig.

Denn nur dann kann man gezielt fördern.

Wenn ein Azubi nach zwei Wochen noch keine grundlegenden Aufgaben versteht, muss der Betrieb reagieren. Entweder mit zusätzlicher Unterstützung – oder mit einer ehrlichen Einschätzung, ob der Beruf passt.

Ausbildung braucht Ressourcenplanung


Das beste Lernsystem bringt nichts, wenn der Azubi keine Zeit dafür bekommt.

Wenn der Azubi nur als günstige Hilfskraft eingeplant wird, bleibt Ausbildung auf der Strecke.

Deshalb braucht Ausbildung eine saubere Ressourcenplanung.Dann können auch andere Mitarbeiter später Fragen stellen:

Der Betrieb muss bewusst festlegen:„Worauf muss ich bei dieser Wärmepumpe achten?“
„Welche Abstände gelten?“
„Was waren die wichtigsten Punkte aus der Schulung?“
„Welche Fehler sollen wir vermeiden?“

Wann ist der Azubi im Betrieb?
Wann ist Berufsschule?
Wann ist ÜBA?
Wann lernt er digital?
Wann übt er praktisch?
Welchem Monteur ist er zugeordnet?
Wann bekommt er Zeit für Grundlagen?

Diese Planung gehört nicht in eine Excel-Liste an der Wand, sondern in die Branchensoftware. Dort laufen Baustellen, Zeiten und Ressourcen zusammen.

Azubis sind eine Investition


Ein Azubi ist keine billige Hilfskraft.

Er ist eine Investition in die Zukunft.

Wenn ein Betrieb ihn nur mitlaufen lässt, darf er sich später nicht wundern, wenn wenig hängen bleibt.

Wenn ein Betrieb ihn aber vom ersten Tag an strukturiert aufbaut, kann er schnell echten Wert bringen.

Ein motivierter Azubi, der früh Grundlagen lernt, kann auf Baustellen besser mitarbeiten, in der Berufsschule schneller mitkommen und sich fachlich stärker entwickeln.

Manche Azubis lernen sogar freiwillig weiter, wenn sie merken, dass sie Fortschritte machen.

Genau dann entsteht echte Ausbildung.

Fazit: Gute Ausbildung passiert nicht zufällig


Ausbildung im Handwerk darf nicht vom Zufall abhängen.

Nicht davon, welcher Monteur gerade Zeit hat.
Nicht davon, ob jemand Lust hat, etwas zu erklären.
Nicht davon, ob der Azubi sich alles selbst zusammensucht.

Gute Ausbildung braucht Struktur.

Sie beginnt bei den Grundlagen. Sie nutzt kurze Lernvideos. Sie verbindet digitales Lernen mit Praxis. Sie kontrolliert den Fortschritt. Und sie gibt Azubis bewusst Zeit zum Lernen.

Der wichtigste Perspektivwechsel lautet:

Wenn der Azubi nichts kann, ist zuerst der Betrieb verantwortlich, es ihm beizubringen.

Wer so denkt, bildet besser aus.

Und wer besser ausbildet, bekommt schneller bessere Fachkräfte.

Genau so entstehen kurze Prozesse im Handwerk.

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Autor Manuel Epli

Über den Autor Manuel Epli


Manuel Epli studierte an der Universität Ulm die Fächer Mathematik, Informatik, Pädagogik und Psychologie. Er ist Gründer von eLearningPlus, einer Marke der digi professionals GmbH aus Ulm.


Die digi professionals GmbH ist ein TÜV- und AZAV-zertifiziertes Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von zielführenden und hochwertigen E-Learning-Maßnahmen und digitalen Schulungsplattformen spezialisiert hat.


Mit einer 3-stelligen Wachstumsrate pro Jahr, über 25 Mitarbeitern, sowie mehr als 500 betreuten Kunden gehört die digi professionals GmbH zu den führenden E-Learning-Anbietern im gesamten DACH-Raum.

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