Interview mit Martin Sommer im Bauimpulse-Podcast

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich das Handwerk und die Bauindustrie bewährt. Die Digitalisierung ist nunmehr auch hier angekommen und stellt Betriebe in dieser Branche vor Herausforderungen. Zugleich bietet sie aber auch Chancen. Wie Tradition und Innovation eng miteinander verbunden werden können und der Einsatz modernster Technologien das Baugewerbe prägt, erzählt Martin Sommer, Gründer von eLearningPlus, einer Marke der digi professionals GmbH, im Gespräch in Achim Maisenbachers Podcast Bauimpulse. Jede Woche liefern die praxisnahen Folgen Denkanstöße rund um die Zukunft, Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen im Handwerk und Bau.

Die gesamte Podcastfolge ist hier abrufbar.

Achim Maisenbacher: Martin, du hast Informatik studiert und bist auf dem Gebiet Fachdidaktik Lehrbeauftragter an der Universität Ulm. Wie kam es dazu, dass du die digitale Lernplattform eLearningPlus gegründet hast?

Martin Sommer: Vor drei Jahren kam mein guter Freund und Geschäftsführer einer Heizung-Sanitär GmbH, Felix Saier, auf mich zu und schilderte, dass der Fachkräftemangel immer größer und es immer schwerer wird, gutes Personal zu finden. Insbesondere, neue Mitarbeiter effizient und systematisch einzuarbeiten, ohne Stammpersonal zu stark einzubinden, stellte für ihn eine der größten Herausforderungen dar. Felix war Feuer und Flamme dafür, ein E-Learning-Tool zu starten, aber ich war skeptisch und dachte, dass das nicht funktionieren wird.

Warum dachtest du, dass es nicht funktionieren würde?

Wir waren in Sachen Systematisierung und Technik noch nicht so weit. Für ein gutes Tool muss man sich tief in die Gedankenwelt eines Handwerkers einarbeiten und alle praktischen und theoretischen Aspekte detailliert kennen. Felix konnte das auf zwei Bereiche herunterbrechen, die seine Mitarbeiter schnellstmöglich können sollten: das Erstellen und Lesen eines Anlagenschemas sowie das eigenständige Durchführen von Pressfittings. Das klingt zunächst einfach, aber um das zu erreichen, sind zahlreiche Einzelschritte nötig. Am Ende haben wir das Thema eineinhalb Jahre auf die Seite geschoben, aber es hat uns nicht losgelassen. Mittlerweile war der Schmerz in der Branche groß genug, dass der Bedarf für digitales Onboarding da war. Vor allem der hohe Anteil von Auszubildenden mit Migrationshintergrund hat dem Ganzen einen enormen Schub gegeben, da im Tool jegliche Sprache umgesetzt werden kann.

Das deckt sich sehr stark mit meinen Erfahrungen aus dem Alltag. Den didaktischen Hintergrund hast du ja, aber in das Handwerkliche musstest du dich einarbeiten…

Ja und das nicht nur oberflächlich. Ich musste den Darstellungswechsel von den Begriffen eines Anlagenschemas hin zu den Symbolen genauso verstehen wie ein Azubi. Wenn man diese Basics verinnerlicht hat, kann man darauf aufbauen und kommt schon weit. Genau das leisten unsere sogenannten Lernnuggets. Das sind kurze Lernvideos, von denen wir mittlerweile im Heizungs- und Sanitärbereich etwa 300 Inhalte haben, und es werden stetig mehr. Dank unserer langjährigen Erfahrung können wir neues Material schnell, zielgruppengerecht und individuell gestalten.

Wie läuft die Einarbeitung mit eLearningPlus zum Beispiel für einen Anlagenmechaniker dann konkret ab?

Neue Mitarbeiter erhalten einen Zugang zur Plattform und können direkt loslegen. Am ersten Tag lernen sie zunächst das Unternehmen kennen. Grundsätzliche Themen, wie Krankmeldung, Datenschutz und Sicherheitsunterweisungen, stehen zu Beginn im Mittelpunkt. Anschließend starten praktische, interaktive Kurse. Das sind nicht einfach nur Videos wie auf YouTube, sondern Lernende interagieren mit dem System. Fragen werden unter anderem zum Anlagenschema gestellt, die per Sprache beantwortet werden müssen, Bilder werden markiert oder Aufgaben per Drag-and-drop erledigt. Außerdem gibt es Gamification-Elemente wie Spiele oder Kreuzworträtsel. Nur die Theorie, etwa für Pressfitting zu lernen, bringt nichts. In angeleiteten Aufgaben in interaktiven Videos montieren Teilnehmer zum Beispiel eine Gasstraße vom Anschluss im Haus bis zur Gastherme und zum Gaszähler. Kombiniert wird das digitale Lernen aber auch mit klassischen Bestandteilen wie Papier-Workbooks und handschriftlichen Lernkarten. In der Summe steigert diese ganzheitliche, interaktive Herangehensweise nachhaltig die Lernmotivation und erhöht den Lernerfolg.

Welche Erfahrungen habt ihr im Umgang mit dem Tool? Bestehen technische Barrieren?

Unser Ziel ist es, die Lernplattform so einfach und benutzerfreundlich wie möglich zu gestalten. Deshalb haben wir mit einem Partner aus Göttingen eine Kooperation gestartet, die eine E-Learning-Plattform so designt, dass sie wirklich jeder bedienen kann, ohne viel Aufwand und Vorwissen. Du weißt es selbst, auf der Baustelle kommen Mitarbeiter um die Technik nicht herum. Daher ist es wichtig, dass sie schnell an den Umgang mit digitalen Endgeräten und Hilfsmitteln gewöhnt werden. Um Defiziten in der deutschen Sprache zu begegnen, können Lernende die Inhalte zu Beginn in der eigenen Muttersprache nutzen.

Das stimmt. Heute ist es nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch wann die Digitalisierung auf den Baustellen umgesetzt wird. Außerdem sind neue Mitarbeiter viel unabhängiger während ihrer Lernphase, können sich Videos mehrmals anschauen und müssen Kollegen nicht mit den gleichen Fragen nerven und sich vor allem auch nicht genieren, wenn sie etwas nicht gleich verstehen. Wie lange dauert denn ein interaktiver Lernschnipsel? Wie viel Zeit muss ich am Tag investieren, damit ich vorankomme?

In der Fachsprache werden die Inhalte Lernnuggets genannt. Diese Wortschöpfung verdeutlicht die Besonderheit, dass die Videos relativ kurz sind. Heutzutage sind Jugendliche von sozialen Netzwerken, YouTube Shorts, TikTok und Instagram Reels gewohnt, dass die Videos immer kürzer werden. Studien zeigen, dass sich die Länge in den letzten drei Jahren bereits halbiert hat. Deshalb setzen wird auch auf Lernnuggets, die ein bis maximal drei Minuten gehen und die Inhalte auf den Punkt bringen. Wenn das schon in dreißig Sekunden gelingt, kann ein Video auch kürzer sein.

Du hast bereits über Gamification-Elemente gesprochen. Welche kleinen Erfolgserlebnisse habt ihr in den Lernprozess auf der Plattform eingebaut?

Lernende verdienen sich Abzeichen, Sternchen oder Achievements auf ihrem Lernpfad. Manche Unternehmen arbeiten auch mit inoffiziellen Ranglisten oder auch anderen Belohnungen wie Unternehmens-T-Shirts für einen bestimmten Fortschritt.

Verstehe ich das richtig, dass dann jeder einen eigenen Account hat und einer eigenen Lernstrecke folgt?

Genau. Um die digitale Einarbeitung noch effizienter zu gestalten, wird in Zukunft sogar Vorwissen abgefragt, bevor Kurse gestartet werden. Videos mit Inhalten, die bereits bekannt sind, schließt die Software dann aus. Das ist über künstliche Intelligenz realisierbar und kommt noch in diesem Jahr. Nichts ist schlimmer, als etwas zu lernen, das man schon weiß. Das zeigen auch Studien in dem Bereich.

Ich kann mir jetzt gut vorstellen, wie mit eLearningPlus gelernt wird. Kommen wir zurück zu Felix. Welche Vorteile hat er als Geschäftsführer seines Betriebs, wenn er die Plattform für das Onboarding neuer Mitarbeiter und zur Weiterbildung seiner Stammbelegschaft nutzt?

Zunächst muss er sich keine Gedanken über den Ablauf machen. Es gibt einen genauen Fahrplan und dadurch ein durchdachtes, systematisches Onboarding. Die Einarbeitung erfolgt zielgruppengerecht, was die Motivation gerade der Auszubildenden deutlich erhöht. Außerdem spart der Ansatz viel Zeit der erfahrenen Mitarbeiter. Sie geben dann vor allem Feedback in der Praxis, müssen aber nicht mehr alles selbst erklären. Daneben ist aber auch die sprachunabhängige Ausbildung ein nicht zu unterschätzender Vorteil für die Betriebe. Über Untertitel kann jede Sprache eingebunden werden, aber die deutsche Sprache zu hören und zu lernen, ist weiterhin möglich. Jeder kann darüber hinaus so viel Zeit im Tool verbringen, wie es nötig ist. Wer mehr Wiederholungen braucht, schaut die Lernnuggets mehrfach. Zuletzt hilft die Plattform bei der Wissenssicherung und beim Wissenstransfer zwischen den Generationen.

Ich habe von einem Coach einmal gehört, dass die gesamte Einarbeitung bis zur vollständigen Produktivität ein Unternehmen eine fünfstellige Summe kostet. Umso wichtiger ist es, dass Mitarbeiter im Betrieb bleiben. Hast du Informationen dazu, wie die Einarbeitung mit eurem Tool die Abwanderungsrate beeinflusst?

Ich habe keine Analysen zu unserem Tool, weiß aber, dass Studien zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, gut und sauber eingearbeitete Mitarbeiter im Unternehmen zu halten, 30 % höher ist. Die ersten Tage im Betrieb sind entscheidend dafür, ob Beschäftigte bleiben oder gehen.

Muss jede Firma die Lerninhalte selbst produzieren oder wie läuft das konkret ab?

Je nach Branche gibt es verschiedene Varianten. Im Heizungsbereich haben wir bereits vorgefertigte Inhalte. Wir empfehlen Unternehmen aber immer auch, individuelle Inhalte mit den eigenen Mitarbeitern anzufertigen, die wir an einem gemeinsamen Drehtag produzieren. Das macht die Inhalte authentischer und relevanter für den jeweiligen Betrieb. Im Anschluss können Videos selbst produziert, hochgeladen oder aktualisiert werden. Dafür sind keine speziellen Vorkenntnisse nötig. Auch bei der Anschaffung von nötigem Equipment stehen wir gerne beratend zur Verfügung.

Danke für die Einblicke. Die Nutzung eurer Lernplattform bringt die Handwerks- und Baubranche meiner Meinung nach wirklich voran. Aber auch darüber hinaus ist das digitale Onboarding ein Gamechanger.

Wer Interesse hat, ein digitales Onboarding bei sich einzuführen, sollte sich auch über die Möglichkeiten der Förderung informieren. Die Bezuschussung für klein- und mittelständische Unternehmen, sogenannte KMUs, variiert von Bundesland zu Bundesland. Gerne stehen wir Betrieben dabei beratend zur Seite. Außerdem bieten wir Demogespräche an, in denen Interessierte sich einen ersten Eindruck vom Tool verschaffen können.

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